Frei nach dem Motto „rette sich wer kann" - aber nicht mehr nach der Uraltmoral entsprechend „Frauen und Kinder zuerst" – bringt jeder, auch der anständige Finanzhai, seine Schäfchen möglichst sicher und schnell ins Trockene. Nach mir die Sintflut!
Was für ein Morast! Bundespräsidenten verstricken sich im Sumpf der Politikmoral. Und nach und nach kommen immer mehr Vorwürfe an die Oberfläche, aber eigentlich interessiert diese Schaumschlägerei die breite Masse doch schon gar nicht mehr. Weg mit Unrat - schließlich sind wir eine Weg-Werf-Gesellschaft! Und die hat ganz andere Sorgen. Was interessieren den Bürger von heute denn noch die zweifelhaften Moralvorstellungen unserer Führungsriegen, wenn es im Dschungelcamp um so existenzielle Fragen wie „ ist der Busen echt?" oder „wer isst die widerlichsten Würmer?" geht. Jeden Tag eine Seite in der Boulevard-Presse zum Mitekeln. Darüber werden so Kleinigkeiten wie „Döner-Morde", Übergriffe und Gewaltbereitschaft im Alltag schon mal vergessen. Kommt ja auch so selten vor, dass Menschen auf offener Straße angepöbelt werden oder Fans die Spieler im Stadion mit Bierbechern und ähnlichem beschmeißen. Seltsamerweise passiert das immer irgendwie ganz im Geheimen, denn nie hat einer was mitbekommen. Sonst hätte man doch längst eingegriffen.
Aber das hat ja auch nix mehr mit Moral zu tun, sondern mit Zivilcourage, der „richtigen" Einstellung und dem Mut, auch mal gegen den Strom und die Masse zu schwimmen und seine Meinung kundzutun. Vielleicht auch was mit Solidarität.
Wieso mache ich mir eigentlich Gedanken über Moral? Weil ich mich frage, was aus Dingen wie „Gut" und „Schlecht", aus Werten und Normen, aus Ethik, aber auch Handlungen und Einstellungen gegenüber Mitmenschen, Natur und der Welt mitsamt allen Rechte und Pflichten geworden ist.
Igitt – Pflichten!? Wer will die denn? Reicht es nicht, wenn jeder sich um seine Rechte kümmern muss? Und wenn sich sonst schon niemand für mich einsetzt, dann muss ich das doch in dieser Gesellschaft selbst tun. So kommt´s mir jedenfalls vor. Hauptsache mir geht´s gut.
Aber wenn ich mal wieder auf unseren gekenterten Kapitän zurückkomme, dann hat er doch auch ein Recht auf Überleben, oder? Und ist es nun moralisch verwerflich, als einer der Ersten das Schiff zu verlassen oder nur allzu verständlich? Und wenn die Werbung täglich verkündet „Geiz ist geil", darf das dann nicht auch für alle gelten. Also auch für die Firmenchefs, die lieber an sich denken, als an ihre Mitarbeiter und Zulieferbetriebe irgendwo weit weg im Ausland. Oder unsere ach so korrekten Politiker. Wenn die dann mal im Zuge der Informationsfreiheit vergessen haben, etwas in Anführungsstrichte zu setzen. Vielleicht war die Spesenabrechnung auch nicht so ganz richtig, aber bei all den Verpflichtungen kann das schon mal vorkommen. Und ganz ehrlich, wer weiß, ob ich nicht auch meine Bonusmeilen privat nutzen würden, wenn ich mir öfter mal einen Flug rund um die Welt leisten könnte. Wird einem in der heutigen Zeit ja nichts geschenkt. Außer, man ist ... aber das wäre jetzt wahrscheinlich nicht nett, über andere zu lästern, denn frei nach meiner Oma und ihrer goldenen Regel „Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem andern zu!" könnte es ja auch mich mal treffen. Also wenn ich dann mal reich und von öffentlichem Interesse oder so was in der Art bin.
Solange werde ich mich als Moralapostel üben, denn ... wie war das mit dem ersten Stein werfen? Ich bin auch ganz egoistisch und werde mir jetzt auch mal schnell mein eigenes Süppchen kochen!
SiZe